Gustave Le Bon, die Psychologie der Masse und ich (LANIA)

Ich bin im Volksparkstadion. Der Hamburger SV spielt gegen den 1. FC Köln. Es ist die 86. Minute. Lasogga schießt ein Tor. Der Mann neben mir springt auf und schreit, wie ein Impuls rast das Geschrei durch die Reihen. Alle jubeln. Dann versucht ein Anhänger des FC Kölns einen Gegner mit seinem Fan-Schal zu knebeln. So rufen es die Zuschauer jedenfalls durch die Masse. Alle schreien, alle toben. Und plötzlich tobe ich auch. Ich freue mich, schreie mit. Über den Köln-Fan bin ich aufgebracht, fast schon aggressiv. Wie alle hier. Die Emotionen verschwimmen in der Menge. Wir sind eine Masse, wir haben eine Seele. Wo meine Persönlichkeit ist weiß ich nicht. Wir gehören zusammen, wir haben eine Basis. Wir mögen Fußball und ganz besonders den HSV. Das reicht um gemeinsam zu fühlen, meine Verantwortung und Vernunft an die anderen abzugeben. Jeder Druck ist weg, wir haben unsere eigene Dynamik. Ich bin wild, primitiv, impulsiv, radikal und leicht zu täuschen. Nicht nur ich, wir. Als ich erfahre, dass in Wahrheit ein Vater seinem Sohn seinen Fan-Schal umgebunden hat, denke ich an Gustave Le Bon und, dass ich alleine wahrscheinlich nie so gekreischt hätte oder geglaubt, dass eine Masse von fußballfanatischen Fremden meine Emotionen beeinflussen kann.

Watzlawik (LANIA)

Ich sitze an meinem Platz in der zweiten Reihe ganz links und schaue an die Tafel. Gesagt habe ich diese Stunde noch nichts, kommuniziert schon. In meinem Gesicht ist zwar ein freundliches Lächeln, das signalisiert, dass ich total motiviert bin und angeregt zuhöre, doch meine Körperhaltung zeigt, dass ich wohl lieber zuhause wäre, als zu errechnen, wie groß eine Hopfenpflanze wird. Neutral sein geht nicht, man kann nicht nichts kommunizieren. Egal wie sehr ich versuche meine Aussenwelt auszublenden und ganz neutral und unwirksam dazusitzen, ich kommuniziere Langeweile. Warum? Die Ursache scheint wohl der Mathematikunterricht zu sein, die Wirkung mein gebeugter Rücken und die halb geschlossenen Augen. Welchen Inhalt Herr Schnuck da vorne gerade vorträgt interessiert mich nicht, ich habe ja auch so gar nichts mit ihm zu tun. Wäre er mein Vater würde ich vielleicht aufmerksamer zuhören, der Inhalt wäre dann auch nicht so wichtig. Ich denke an meine mündliche Note und beschließe von meiner analogen Kommunikation zur digitalen zu wechseln und einen Wortbeitrag zu leisten. Mir ist schon bewusst, dass Herr Schnuck und ich nicht auf derselben Ebene sind. Mein Beitrag wäre höchstens eine Ergänzung zu seinem Vortrag, meine Kommunikation komplementär, aber nicht symmetrisch.

Veränderung der Kommunikation durch Digitalisierung (LANIA)

Noch nie war Kommunikation so einfach und effektiv wie heutzutage. Wir können nicht nur telefonieren, oder SMS versenden, wir haben FaceTime, WhatsApp-Nachrichten und Snapshots. Im Jahr 2018 muss keiner mehr Briefe schreiben oder ein persönliches Gespräch führen. Ein paar Klicks genügen und eine Nachricht verschwindet in die Welt hinaus. Unsere analogen Kommunikationswege wurden durch die digitalen verdrängt. Doch auch die digitale Kommunikation hat ihre Schattenseiten. Es gibt Botnetze, Schadprogramme, die innerhalb Sekunden in fremde Netzwerke eingreifen und in ihrem Namen schaden anrichten. So kommt es zum Beispiel zu Fake-News, Nachrichten die verfälscht und manipulativ verbreitet werden. Handelt es sich lediglich um falsche WhatsApp-Nachrichten, die in fremden Namen versendet werden, betrifft es einzelne Privatpersonen. Handelt es sich aber gar um Wahlergebnisse, die manipuliert werden, betrifft es die ganze Welt.

LANIA

Kommunikation

Spekulationen und Gerüchte gab es schon immer, doch sie zu verbreiten, ist durch Soziale Medien viel einfacher geworden. Es entstehen verzerrte Wahrnehmungen der Realität und ganze Gesellschaften können durch wenige Klicks fast beliebig manipuliert werden. Es heißt also wachsam sein und Abschied nehmen von der Utopie einer globalen elektronischen Demokratie. Wir müssen den elektronischen Populismus und seine postfaktische Propaganda verstehen, um nicht zum willenlosen Opfer seiner manipulativen Kraft zu werden.